Ich bin die Ursache von Zeit
Ich gestalte die Entwicklung bewusst
Was bedeutet das eigentlich? Wie nehme ich Zeit wahr?
Warum fühle ich Zeitdruck?
Was ist für mich wirklich wesentlich?
Habe ich doch Furcht vor der Vergänglichkeit?
Das Außen ist ein natürlicher Schwingungsraum, ein Resonanzraum, in dem ich „meine“ innere Zeit entfalten kann.
Oder bin ich Opfer einer verstreichenden Zeit?
Nein, ich bin der ruhende Pol in der Mitte – der Kern, der Zeit erfährt, erschafft oder einfach darin verweilt.

Texte von und über Henri Bergson sind mir begegnet:
La durée (die echte, innere Dauer) Die Zeit unseres Bewusstseins.
Sie fließt kontinuierlich, unteilbar und ohne scharfe Grenzen. Gefühle, Erinnerungen und Gedanken gehen ineinander über wie die Noten einer Melodie. Sie lässt sich nicht messen, nicht wiegen und nicht in Sekunden zerlegen.
Le temps (die äußere, physikalische Uhrzeit) Ein nützliches Konstrukt, um das Außen zu verwalten.
Für Bergson ist die innere Dauer (durée) ewig im Sinne von zeitlos und unendlich im Moment. In der inneren durée gibt es keine Trennung. Meine Vergangenheit schwingt in jedem jetzigen Moment mit (als Erinnerung, Erfahrung, Gefühl) und meine Zukunft schwingt als Erwartung und Drang mit.
Für mein Bewusstsein existiert also immer nur das Jetzt, das sich stets erneuert und vertieft. In dieser tiefen Gegenwart zu sein, fühlt sich ewig an, weil die Zeit dort keine Grenzen hat, an denen sie anstößt.
Genau das erlebe ich, wenn ich spagyrisch arbeite, im Garten wühle…, kurzum mit der Natur in Bewegung bin.
Dann verschmelze ich mit der Lebendigkeit und fühle mich tatsächlich zeitlos. Bewusst im Webwerk der Natur etwas erschaffen. Es scheint, dass ich die Zeit dehnen kann und der natürliche Rhythmus mir Orientierung gibt, um den richtigen Moment des „Schaffens“ zu spüren. Ich agiere mit der Zeit. Ich bin die Ursache und die Zeit kommt ins Fließen? Es fühlt sich an, wie ein intensives, sich vertiefendes Miteinander.
Bergson sah die durée vor allem als die Form des lebendigen Schaffens und Wandels (Élan vital). Für ihn war sie nicht starr, sondern der dynamische Fluss des Lebens selbst.
Zeitdruck fühle ich, weil meine Gedanken in die Zukunft schweifen und dann entsteht ein Berg von Aufgaben, die ich gar nicht gleichzeitig erfüllen kann. Oder wenn meine Gedanken in der Vergangenheit verharren – da spielen meine geprägten Annahmen ihre Rolle auf der Bühne, die ich doch längst verlassen habe. Wenn meine Gedanken in die Zukunft oder Vergangenheit wandern, verlässt meine Aufmerksamkeit den Ort, an dem ich handeln kann – das Jetzt.

(Foto, Ausschnitt: Renate Katharina Zwerger)
In den östlichen Philosophien (wie Advaita Vedanta oder Buddhismus) sagt man:
Wenn das reine Bewusstsein der Ursprung aller Zeit- und Raumwahrnehmung ist, dann ist dieses Bewusstsein selbst ungeboren und unsterblich – also ewig.
Meine innere Dauer ist ewig, weil sie nicht der Logik der Uhr gehorcht. Sie tickt nicht ab, sondern sie dehnt sich aus.
Wenn ich in meinem Bewusstsein ruhe, verlasse ich die messbare Zeit und betrete eine Dimension, die sich ewig anfühlt, weil sie nur aus reiner Präsenz besteht.
In reiner Präsenz (ohne aktive Zukunftsgedanken) höre ich auf, der Zukunft nachzujagen. Wenn ich vollkommen im Jetzt verankert bin, bin ich in meiner höchsten Klarheit, Ausrichtung und Handlungsfähigkeit. Das Zukünftige wird nicht konstruiert, sondern es entfaltet sich von selbst in meine Präsenz hinein. Es wirkt, als würde der Moment die passende Antwort oder die nächste Entwicklung magnetisch anziehen. Reine Präsenz ist Fülle: Alles, was für den nächsten Schritt nötig ist, ist im Jetzt bereits enthalten.
Aus dieser Haltung heraus kann ich Handlungen, Menschen und Ereignisse anziehen, die genau zu meiner inneren Klarheit passen. Ich werde vom Suchenden zum Empfangenden. Genau wie Kassiopeia in Momo, die sich bewegt „in einer Wirklichkeit, in der das Kommende für sie bereits gegenwärtig ist“.
Die Zeit ist in mir. Wenn ich sie nicht durch Gedanken in die Zukunft oder Vergangenheit zerstreue, zieht meine innere Präsenz das Außen ganz natürlich an sich heran.
Und mir wird wieder bewusst, wie wichtig und hilfreich die Scheidekunst ist. Bewusst ent-scheiden, reinigen (loslassen) und meinen Fokus (meine Gedanken) auf das Wesentliche lenken.
von Manuela Winterling 10/2026
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